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Im weißen Rössl | Stückbeschreibung | Presse


Nordkurier
Mo 01.08.2016
Tschüss Rössl! Der letzte Vorhang ist gefallen von Birger Schütz

NEUSTRELITZ. Jürgen Stahl ist zur letzten Vorstellung des „Weißen Rössl“ extra aus Berlin-Erkner angereist. „Ich besuche schon seit fünf Jahren mit Verwandten die Neustrelitzer Festspiele“, sagt er. „Das ganze Ambiente mit der Bühne, dem Park und dem Hafen ist einfach toll“, erzählt Stahl begeistert, während er seine Eintrittskarte zückt. Im kommenden Jahr wolle er wieder dabei sein. Brigitte Mönch aus Templin ist mit zwei Freundinnen zu der Aufführung im Schlossgarten gekommen. „Das Stück hatte überall gute Kritiken und meine Bekannten waren ganz begeistert“, erklärt sie. „Da wollte ich mir das noch mal anschauen.“ Außerdem habe sie schon einmal einen der Darsteller getroffen. „Am Thurower See habe ich mal den schönen Leopold kennengelernt“, verrät Mönch lachend, bevor sie sich in die Schlange vor dem Eingang stellt.
Auch Wenke Dreffien hat am Sonntag Grund zu guter Laune. „Rund 13 000 Besucher haben sich die 13 Aufführungen des „Weißen Rössls“ angesehen“, berichtet die Sprecherin der Theater-und Orchester GmbH (TOG) Neubrandenburg/ Neustrelitz. Das entspreche einer Auslastung von 78 Prozent der verfügbaren Sitze im Schlossgartentheater. Für uns ist das eine Supergröße“, bewertet Dreffien die Zahlen. Nur bei einer verregneten Aufführung hätten einige Rössl-Fans geschwänzt. Im Vergleich zum Vorjahr haben die Festspiele im Neustrelitzer Schlossgarten noch einmal kräftig zugelegt. Den großen Publikumserfolg des Jahres 2015 „Hello Dolly“ besuchten immerhin rund 10 800 Theatergänger. Wie schon 2015 kamen die Theaterfans auch in diesem Jahr nicht nur aus der Strelitzer Region. „Neben Besuchern aus Neustrelitz und Umgebung sind auch ganze Busse mit Kulturinteressierten aus Rostock, Usedom aber auch Sachsen-Anhalt in unsere Aufführungen gekommen“, sagt Wenke Dreffien. Auch viele Tagestouristen aus Neustrelitz genossen das stimmungsvolle Singspiel um die schöne Rösslwirtin, den forschen Zahlkellner Leopold und den schönen Sigismund auf dem Neustrelitzer Schlossberg.„Mittlerweile gehören die Festspiele auch überregional zu den kulturellen Höhepunkten im Bereich des Freilufttheaters“, so Dreffien. So konnte bereits im Jahr 2015 der 300 000 Besucher im Strelitzer Schlossgarten begrüßt werden. Spannend wurde es noch einmal in der Pause zwischen dem ersten und dem zweiten Teil der Operette. Schauspielerin Marion Costa, die im Stück die Joseph Vogelhuber gibt, zog die Sieger des Besucher-Gewinnspiels. Die Wolfgangsee-Touristik GmbH, mit der die Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/ Neustrelitz zusammenarbeitete, spendierte drei Reisen zu den Originalschauplätzen der Operette im österreichischen Salzkammergut. Gewonnen haben Gerlinde Richardt aus Torgelow, Anke Schmidt aus Templin sowie die Neubrandenburgerin Angelika Conrad.


Nordkurier
So 10.07.2016
Da fühlt sich der Zuschauer als Urlauber von Marcel Auermann

Von der biederen, piefigen Verfilmung mit Peter Alexander aus den 50er-Jahren blieb kaum mehr etwas übrig. Das „Weiße Rössl“ im Schlossgarten in Neustrelitz zeigt sich frisch, modern, ironisch, bissig-böse, heiter und unglaublich unterhaltsam, wie Marcel Auermann bei der Premiere am vergangenen Wochenende erlebte.

Lage
Da sitzt der Zuschauer im Schlossgarten in Neustrelitz und fühlt sich doch irgendwie wie am Ufer des Wolfgangsees. Er schaut auf riesige Postkarten mit den schönsten Eindrücken aus dem Salzkammergut, den Bergen, den Seen, diesem frischen Grün der Almen, dem klaren Blau des Wassers, den Häusern mit ihren verschnörkelten Holzbalkonen und den davor hängenden Blumenkästen und den weidenden Kühen. Zentral platziert natürlich das Hotel-Restaurant „Im weißen Rössl“ mit Bierbänken und den gemütlichen Tischdecken in Weiß-Rot. Meine Güte – lass dich nieder, fühl Dich wohl! Und genieße!
Ja, so kitschig das alles anmutet und nach heiler Welt stinkt, so sehr fühlt sich der Zuschauer als Gast. Dieses Ambiente (Bühnenbild: Bernd Franke) wirkt kuschelig, verbreitet den Charme von Heimat, Gemütlichkeit. Es ist alles kommod. Es fühlt sich nach Urlaub und Ausgelassenheit an. Also das Beste, das einer Sommeroperette passieren kann.

Animationsprogramm
Dieses Singspiel steigert sich mit jeder Minute mehr hinein in einen Rausch der Inszenierung, der Darstellung, der Überraschungen, der Effekte, der Bilder, der Choreografien. Bis zu 98 Personen befinden sich auf der Bühne. Das ist einfach nur: W-O-W. Im Grunde muss man die Produktion mehrmals gesehen haben, um überhaupt alles zu erfassen, was hier passiert. Überall tummeln sich Darsteller, die irgendetwas machen, das sich lohnt, gesehen zu werden. Sie radeln durch die Szenerie, veranstalten ein Fahrradklingelkonzert, spielen Alphorn, sie fahren mit Oldtimern umher, sie tanzen, sie schunkeln, sie schuhplatteln, sie laufen wie auf einer Modenschau umher und zeigen Trachten, Dirndl, Krachlederne (Kostüm: Stephan Stanisic) in modernen Farben wie blitzendem Türkisblau oder schrill-leuchtendem Orange und das Holz vor der Hüttn wird hoch und höher geschnallt, dass es dem Publikum in einer Sequenz aus dem Herzausschnitt von Rössl-Wirtin Josepha fast entgegenspringt.
All diese Mosaiksteinchen entstauben das Rössl und bannen jedes Mal die Gefahr des Kitsches, kurz bevor alles zu kippen droht. Die Inszenierung von Regisseur Wolfgang Lachnitt ist bei allen ironischen Brechungen, böse-bissigen Seitenhieben und klugen Anspielungen auf die teils dümmlichen Urlauber am Wolfgangsee doch die beste Werbung für die österreichische Region.
Der absolute Kracher: ein Kuhballett. Jeweils zwei Personen der Tanzkompanie schlüpfen in ein Kuhkostüm, wobei derjenige, der die Hinterbeine darstellt, seine Arme als Euter baumeln lässt. Das Publikum kriegt sich fast nicht mehr ein. Einfach köstlich.
Grandios gerät auch die Begrüßung von Kaiser Franz Josef. Er rauscht in einer weißen Kutsche heran, aus dem Radetzkymarsch wird die Nationalhymne, das ganze Publikum steht stramm und Mario Thomann als lebendiges Denkmal steigt aus.
Eine Operette an sich kann ja schon so genial, unterhaltsam sein. Wenn sie sich aber der Elemente einer Revue bedient und zu noch etwas viel Größerem wird, dann zieht sie alle im Zuschauerraum in ihren Bann. Die jazzig angehauchte Musik, die die Neubrandenburger Philharmonie (Leitung: Jörg Pitschmann) geradezu unbemerkt genial unterlegt, lässt aus dem Rössl ein Urlaubsbetrieb entstehen, der nur so schnurrt.
Personal
Was wäre ein Urlaub ohne das richtige Personal. Erst mit ihm wird er unvergesslich. Wolfgang Lachnitt besetzt jeden Posten optimal. Marion Costa als fesche, resolute Wirtin Josepha mit einer der besten Dialektfärbungen des Abends wird herzzerreißend von Robert Merwald als Leopold angeschmachtet. Zaghaft nähert er sich ihr immer wieder an, um dann barsch im schmelzenden Operettenton abgewiesen zu werden, dass es weh tut – selbst im Wissen, dass sie sich am Ende verliebt in den Armen liegen. Ein ähnlich zartes Paar bilden Andrés Felipe Orozco als Rechtsanwalt Dr. Siedler und Lena Kutzner als Ottilie. Sebastian Naglatzki bietet einen trotteligen, kreisrundglatzigen Sigismund Sülzheimer. Leider ist sein sächsischer Dialekt genausowenig gut und konsequent durchgezogen wie das Schwäbische von Dieter Köplins Professor Hinzelmann. In diesen Fällen hindern die Dialekte mehr, als dass sie Spaß bereiten.
Eine geniale Helga-Fedderson-Parodie ist das lispelnde Klärchen von Margret Giglinger, an der man sich gar nicht sattsehen und erst recht nicht satthören kann. Ebenfalls zur One-Man-Show taugt Bernd Könnes als schnoddriger, stets übel gelaunter Berliner Fabrikant Giesecke. Übrigens: Hier stimmt der Dialekt zu 100 Prozent – und deshalb ist er ein Vergnügen! Schön unbeholfen als Kellner-Azubi kommt Jörg Weigel zur Geltung. Nur: Warum muss er diese lockenzauselige Wischmob-Perücke aufhaben? Verena Schuster als Kathi überrascht mit einer krachigen Stimme und ein paar zünftigen Jodlern. Holla!

Der Holidaycheck
Die drei Stunden Urlaub im Rössl verfliegen viel zu schnell. Kaum ist der Gast dort, muss er schon wieder abreisen. Was er aber als Andenken mitnimmt, sind Ohrwürmer: „Im Salzkammergut, doa kammer gut lustig sei, wenn’d Musi spielt, holdrio“ oder „Im weißen Rössl am Wolfgangsee, da steht das Glück vor der Tür … und mußt du dann einmal fort von hier, tut dir der Abschied so weh“.


Nordkurier
Mi 20.04.2016
Das "Weiße Rössl" zieht auf den Neustrelitzer Schlossberg von Marlies Steffen

Die Festspiele im Schlossgarten holen in diesem Jahr das Flair von Salzkammergut und Wolfgangsee nach Neustrelitz. Bei dem Klassiker reiht sich ein Hit an den anderen.
Das Land der 1000 Seen bekommt Zuwachs und das auch noch höheren Ortes. Auf dem Neustrelitzer Schlossberg breitet sich ab dem 9. Juli der Wolfgangsee aus. Für die diesjährigen Festspiele im Schlossgarten ist nämlich der Klassiker „Im weißen Rössl“ angesagt. Und der dürfte wieder mit allen Wassern gewaschen sein.
Daran ließ Regisseur Wolfgang Lachnitt am Dienstag bei einem Pressegespräch im Landestheater keinen Zweifel: 160 Beteiligte, 380 Kostüme, diverse Kutschen, ein Reisebusoldtimer, auf der Bühne eine Postkartenidylle aus dem Salzkammergut. Es gibt nicht nur etwas für die Ohren, sondern auch wieder was fürs Auge. Der Operndirektor möchte für seine letzte Neustrelitzer Inszenierung noch einmal alle Register ziehen.
Postkarten halfen beim Bühnenbild
Mit dem „Weißen Rössl“, das gern auf eine österreichische Schmonzette reduziert wird, aber seinen Ursprung im Berlin der 20er-Jahre besitzt, haben der Regisseur und sein Team ein Stück vor sich, das beileibe kein One-Hit-Wonder ist. „Im Grunde ist es eine ganze Hitparade“, sagt Jörg Pitschmann, dem die musikalische Leitung obliegt. Bei Liedern, wie „Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein“, „Die ganze Welt ist himmelblau“ oder „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“ sind schon ganze Generationen ins Schunkeln geraten oder sangen textsicher mit. Das „Weiße Rössl“ also.
Für das Bühnenbild hat Ausstatter Bernd Franke monatelang Postkarten aus dem Salzkammergut zusammengetragen. Sie alle werden sich vergrößert auf der Bühne vor der Neustrelitzer Schlosskirche zu einem großen Puzzle vereinen. Es ist halt eine Reiseoperette. Die Handlung an den Zierker See zu verlegen, diesen Kunstgriff hat der Regisseur allerdings nicht erwogen. Dazu hätte man das Stück zu sehr verbiegen müssen.

Musikalische Leitung Jörg Pitschmann / Markus Baisch  |  Regie Wolfgang Lachnitt  |  Ausstattung Bernd Franke| Stephan Stanisic  |  Chorleitung Dr. Gotthard Franke  |  Choreographie Thomas Vollmer  |  Dramaturgie Lür Jaenike  |  MIT: Marion Costa| Margret Giglinger | Lena Kutzner| Bernd Könnes| Robert Merwald| Sebastian Naglatzki | Andrés Felipe Orozco| Verena Schuster | Mario Thomann | Lothar Dreyer| Dieter Köplin | Jörg Weigel | Neubrandenburger Philharmonie | Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz | Opernchor und Extrachor | Statisterie