REPERTOIRE   Spielzeit 2016/2017
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Nordkurier / Feuilleton
Mo 10.04.2017
"Jedermann" begeistert von Félice Gritti

Theater in der Stadtkirche

Die Inszenierung des „Spiels vom Sterben des reichen Mannes“ in Neustrelitzer hat stehende Ovationen eingeheimst – „brillant“ wie einst gar in Berlin, fiel ein präsidiales Urteil.
Am Ende reißt es alle von den Stühlen, der Beifall tost minutenlang: Der „Jedermann“ in der vollbesetzten Neustrelitzer Stadtkirche hat am Sonnabend eine furiose Premiere hingelegt. Die Landestheater-Produktion im Rahmen des Lutherjahres 2017 überzeugte mit einer erfrischenden Inszenierung, eindringlichen Darsteller-Leistungen – und nicht zuletzt mit reichlich Unterhaltung. Zwischen ernsten und amüsanten Szenen blieb vor allem für eins kein Platz: Langeweile.
Regisseurin Isolde Wabra versetzt Hugo von Hoffmannsthals „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ in die 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, und mehr als einmal bringen die „Roaring Twenties“ die Stadtkirche zum Beben – Paillettenkleider, Lackschuhe, Pfauenfedern, es wird getanzt und gekichert und gekreischt. Mittendrin im dekadenten Treiben: Der Jedermann, gespielt von Michael Goralczyk. Zwischen weltlichen Wonnen, Habgier und Selbstsucht hat der reiche Mann Gott vergessen, und so schickt der ihm den Tod, unheimlich dargestellt vom beeindruckend kostümierten Sven Jenkel.

Im Tod allein
Im Angesicht des Todes fleht Jedermann um ein letztes Geleit, alleine will er nicht erscheinen müssen vor Gottes Richterstuhl. Doch während sich die Leute in guten Zeiten um ihn scharten, kehren sie sich nun ab – niemand will mit ihm sterben.
Der eben noch allmächtige, selbstherrliche Jedermann wird zum verzweifelten Bettler, und Michael Goralczyk spielt das mitreißend: Wenn er mit schreckgeweiteten Augen und schweißüberströmtem Gesicht nach einem Ausweg sucht, wenn er ihn nicht findet und sich vor Furcht und Qual auf dem Bühnenboden krümmt, dann erahnt der Zuschauer die große Einsamkeit vor dem Tod, gegen die kein Geld der Welt jemals wird helfen können. Hilfe findet Jedermann letztlich nur in einem: dem Glauben.
Ein Spiel auf allen Ebenen
Isolde Wabra trägt nach der Premiere ein breites Lächeln im Gesicht. „Erstaunlich, wie tief die Darsteller eingetaucht sind“, sagt die Regisseurin. „Dadurch springt der Funken auch auf das Publikum über.“ Und das tat er offenbar tatsächlich. „Das war eine starke Leistung“, sagt Heidrun Schöttle aus Neustrelitz nach Ende der Vorstellung. „Ich würd‘s mir noch mal angucken!“ Ihre Freundin Annette Schmidt ist ebenfalls begeistert: „Das Stück ist nach wie vor aktuell, da findet sich jeder wieder.“
Auch Christoph Poland saß im Publikum. „Das Ensemble hat das toll gemacht, auch die Nebendarsteller“, sagt der Neustrelitzer Stadtpräsident. Zudem sei die Musik „brillant“ gewesen. Im Berliner Dom habe er den Jedermann schon einmal gesehen – die Neustrelitzer Kirchen-Inszenierung könne durchaus mithalten. Zuschauer Philipp Wenz zeigt sich indes nicht nur von dem „Schwung“ der Inszenierung begeistert, sondern auch von der unkonventionellen Spielstätte: „Die Kirche und die Möglichkeiten, die sie bietet, sind hervorragend mit eingebaut worden.“ Die Beleuchtung sei stimmig gewesen, vor allem aber hätten die Schauspieler die ganze Kirche genutzt – gespielt wurde nicht nur auf der Bühne, sondern auch in den Gängen und auf den Balustraden.
„Ich habe versucht, den ganzen Raum mitzunehmen, mit allen Ebenen“, bestätigt Isolde Wabra. „Die Kirche ist fantastisch.“ Ob sie sich weitere Inszenierungen im Gotteshaus vorstellen könne? „Ich bin immer für andere Wege zu haben“, sagt die Regisseurin. „Wir müssen uns auf die Menschen zu bewegen, und das tun wir hiermit.“

Regie Isolde Wabra (R.) Ausstattung Alexander Martynow Choreographie Lars Scheibner Dramaturgie Katrin Kramer mit Marco Bahr| Michael Goralczyk| Franziska Hayner| Sven Jenkel| Thomas Pötzsch| Fabian Quast| Josefin Ristau| Dirk Schmidt| Lisa Voß | Katrin Kramer   |   Lothar Missuweit   |   Diethard Wegner   |   Frank Obermair, Orgel   |   Statisterie: Vincent Brusdeylins, Nico Eisbrenner, Paulina Fabian, Dorin Moscalciuc, Clara-Marie Schade, Heinz Schlenker, Rita Sentner, Martha-Luis Urbanek   |   vier Kinder: Tilda Berendes-Pätz, Henriette Chudy, Estelle Kögler, Luis Süldt