REPERTOIRE   Spielzeit 2017/2018
Maria Stuart | Stückbeschreibung | Presse
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Neues Deutschland
Mo 27.02.2017
Die Zwiebel, die sich selber schält von Hans-Dieter Schütt

Am Landestheater Neustrelitz: Schillers »Maria Stuart«

Der linke Mensch braucht Theorien, Thesen und Traktate. Jüngste politische Pamphlete (auch in dieser Zeitung) schwingen lüstern die Volkstrennsäge. Denn da muss doch ideologische Ordnung reinzubringen sein: Man propagiert ein gutes »Volk der Linken« - und feilt so an klarer Kante gegen das verderbte »Volk der Rechten«. Man spintisiert sich ein Begriffseigentum herbei und hält dies leidenschaftlich für Wirklichkeit.
Das deutsche Reinheitsgebot lacht, wendet sich ab (also dem Volke zu) und bleibt lieber beim Bier.
Gedanken zum Volk sind unumgänglich, wenn man Friedrich Schillers »Maria Stuart« sieht. Zum Beispiel derzeit am Landestheater Neubrandenburg/Neustrelitz.
Hektische Dispute, dazu das Murmeln der Massen vorm Palast. Die Königin und ihre Funktionäre wechseln ständig die Bezeichnung: »das Volk ... der Pöbel ... die Menge ... mein Volk«. Das bleibt ein verknäultes Ding. Ist drängende Kraft und trübe Brache. Projektionsfläche und pragmatischer Lümmel. Wie stets: Wer das Volk befreien wollte, hat es doch nie begriffen; wer es erziehen wollte, hat es doch nie geliebt. Wer es erzog, hat es nie befreit; und wer es je begriff, konnte es niemals mehr lieben.
Goethe nannte die Französische Revolution das entsetzlichste Ereignis seines Lebens. Schiller, der Enthusiast, benötigte für seine Enttäuschung einige Zeit. Mit »Maria Stuart« schrieb er die sich von der Seele. Aus Revolutionären waren Schreckensmänner geworden, und so zeichnete er eine Immerdar-Welt: Fortschrittler, die Weichen stellen wollten, legten Leichen aus. Statt eines machtvollen Geschäfts der Politik nur eine miese Politik des mächtigen Geschäfts.
In Neustrelitz inszenierte Marco Bahr (Ausstattung: Peter Sommerer). Die Bühne bietet Seitenwände aus grauen
Steinblöcken. Als ziegle sich ein Bunker mit Marmor auf und hoffte, er gehe trotzdem noch durch als Palast. Hinten eine Glasveranda mit Quergang und tiefem Blick ins kalte Wesenlose. Königin Elisabeth tritt im Ornat aus Gold auf, nein, das Ornat tritt auf, das Weib darunter: in aufrechter Arroganz erfroren. Gewitzt: Elisabeth steigt aus ihrer Prunkrüstung, das goldene Kostüm steht leer auf der Bühne, wird hochgezogen, hängt fortan über der Szene: das Damokleskleid.
Elisabeth hält Maria Stuart gefangen, die Königin von Schottland, mutmaßliche Mörderin ihres Mannes. Sie war zu Elisabeth geflüchtet - die in ihr aber die Rivalin fürchten muss. Immer wieder gab es Versuche, die katholische Stuart zu befreien und Elisabeth, die Protestantin, zu ermorden. Der letzte Plan, begeistert organisiert von Mortimer, zaudernd unterstützt von Leicester, wird aufgedeckt - Mortimer bringt sich um, Leicester lügt sich aus der Schlinge, Maria wird hingerichtet. Elisabeth triumphiert, aber sehr bitter: Leicester flieht, andere Lords werden verbannt oder quittieren angeekelt ihren Dienst.
Karin Hartmann spielt diese Elisabeth, und es ist der Atemraubzug des Abends. Die Regie korrigiert Schiller. Der hatte die beiden Königinnen aus verständlichen Attraktivitätsgründen verjüngt - der Dichter als Lift-Boy. In Neustrelitz aber wird der Realität gefolgt, Elisabeth ist über fünfzig, Maria über vierzig. Und die so leistungsattraktive Karin Hartmann korrigiert Schiller ein zweites Mal: Das Stück heißt hier im Grunde »Elisabeth«.
Ein starkes Zeichen, wenn sie - geplagt von Unentschiedenheit über die Tragweite des Todesurteils gegen die Stuart, also eingekeilt zwischen den Kalkülen - sich immer weiter aus den Hüllen der Repräsentanz schält. Eine Matrone zwischen Machtbewusstsein und Gnädigkeit. Und Hilflosigkeit. Ein Kleidungsstück nach dem anderen knüpft sie auf, wirft es ab, nervös, hitzewallend, als sei sie Peer Gynts Zwiebel, die sich selber schält, der Wahrheit ihres verstaatlichten Herzens auf den Grund zu kommen. Pustet sich Luft in den Ausschnitt, rollt mit den Augen, bläst die Backen, lässt das Kinn klappen, scheint zu überlegen, wer sie ist - Wassa Shelesnowa, Celestine, Hekuba, Bernarda Alba? Alle, nur nicht diese Elisabeth! Oder doch, unbedingt Elisabeth!, aber die in aller Farbigkeit, in aller weiblichen Kraft und in aller liebenden Einsamkeit.
Inmitten einer Inszenierung, der die bloßgelegten Strukturen am wichtigsten sind, pfundet die faszinierende Karin Hartmann mit Seele. Auf einer Schaufläche der kalt lauernden Standbilder trippelt, wankt, stampft, bibbert, blubbert und bebt sie. Ohne Scheu vor Komik, ohne Übertreibung des Tragischen - und just deshalb so bezwingend. Zum Schluss ist sie eine Gezeichnete. Siegreich allein. Siegreich verhuckt, an der Wand zusammengesunken zu einem Knäuel Angst. Weißgeschminktes Gesicht, das Unterkleid als nackte Unbeholfenheit - die Königin wie eine Schauspielerin, die ohne allen Aufputz nach einer neuen Rolle sucht. Es bleibt aber nur dies Trauerspiel.
Isolde Wabra ist Maria Stuart. Kräftiger Trotz, freche Hochköpfigkeit. Sie träumt Freiheit, dass es schon etwas töricht Freches hat. So tapfer im Gerechtigkeitsglauben wie im Blindheitselan, wenn es um die Fehleinschätzung der eigenen Lage geht. Man sagt dazu wohl neuerdings: »alternative Fakten«.
Die Kabinetts-Personage ist pure Falschheit. Diplomatie der Leisetreter in chemieglänzenden Anzügen. Lords? Exakt programmierte Stanzen der Gefügigkeit. Freilich: Dass Elisabeths Maskenmänner und Männermasken oft wie angewurzelt stehen - es ist bei aller frostigen Zeichenklarheit eine Frage wert: Wie viel schauspielerischer Eigensinn wäre in solch »befohlenem« Minimalismus möglich? Man ersehnt ein wenig mehr Lodern oder Signale der Qual, dies Lodern aus Staatsräson (und Feigheit) löschen zu sollen. Im Apparat der zynischen Vernunft brodelt doch auch Begierde, die mit politischem Auftragszwang allein nicht erklärbar ist. Wobei im Konzeptionskorsett Eindrückliches nachhallt: Der lächelfiese, geradezu glättegeile Burleigh des Sven Jeckel. Oder der watteweich opportunistische Leicester des Michael Goralczyk. Und Felix Caspar Krause als heimlicher Rebell Mortimer, mit dem armschwingenden Pathos des eifrig klugen, freilich überdrehten Machers.
Die Königinnen in historischen Kleidern: Es war einmal. Der Hofstaat aber modern: Was war, bedingt uns; wir sind nicht weiter, wir sind nur später. Die Tücken der Zeitalter bestehen im Schillern des Austauschbaren. Nie lehrt Geschichte, was wir tun sollen, aber sehr wohl (auch mit dieser sehenswerten Inszenierung), womit wir jederzeit rechnen müssen.


Nordkurier / Kultur
Mo 20.02.2017
Zwei starke Frauen im perfekten Zickenkrieg von Marcel Auermann

Regisseur Marco Bahr bringt in Neustrelitz eine „Maria Stuart“ auf die Bühne, bei der es fast jedes Augenkullern und jeder Fingerzeig in sich hat. Marcel Auermann zeigt, warum man diese Variante des Friedrich- Schiller-Klassikers gesehen haben muss.

Bühne
Die komplette Bühne grau, kalt, dunkel. Die Szenerie eingekerkert in Betonflächen. Egal, ob der Zuschauer Maria Stuart sieht oder die machtgeile Königin Elisabeth – alles spielt sich in diesem Verlies, in diesem Loch ab. Hier kämpfen die beiden Hauptdarstellerinnen um Leben und noch viel mehr um Tod. Beide Seiten gefangen im selben kaputten System, in dem es berechnend, intrigant und nur selten liebevoll zugeht. Eine enge, ja einengende Welt von Macht, Herrschsucht, Geschäft und diktatorischer Politik.
In diesen wenigen Quadratmetern, die kaum Platz zum Atmen lassen, blicken Elisabeth und Maria Stuart der Vernichtung sekündlich ins Auge. Regisseur Marco Bahr wählt eine deutliche, klare Bildsprache.

Inszenierung
Schon lange nicht mehr wurde in Neustrelitz so wuchtig und intensiv allein durch Text sowie kleinste mimische und gestische Details inszeniert. Man nehme nur das kurze Lippenkräuseln von Michael Goralczyk als Robert Dudley, als er von Elisabeth einfach nur genervt ist. Die bissige Komik, die er seinem Charakter gibt, als er mit kleinen Trippelschritten wie beim Anlauf zum Elfmeterschießen Schwung für seine neuen Machenschaften nimmt. Die nur einen Wimpernschlag andauernden Berührungen an einem Finger von Elisabeth und ihren Schnuckels – von Wilhelm Cecil (Sven Jenkel herrlich schmierig) bis Mortimer (Felix Caspar Krause – ein neuer Name, den man sich merken sollte). Und, und, und. Ach, es gäbe noch so viele Kleinigkeiten zu erwähnen in dieser vor Bedeutungen und Andeutungen nur so strotzenden „Maria Stuart“. Pompöse Effekte fehlen völlig, und das tut dieser Inszenierung so unglaublich gut. Der Zuschauer verfolgt die Szenerie gebannt und genau, kann den Blick kaum von der Bühne abwenden, um nichts zu verpassen.

Königin Elisabeth
Wow. Nichts mehr als wow bleibt einem zu sagen. Die Rolle der Königin Elisabeth scheint von Friedrich Schiller wie für Karin Hartmann geschrieben worden zu sein. Ja, eigentlich müsste das Stück nicht „Maria Stuart“, sondern „Königin Elisabeth“ heißen. Diese Figur überstrahlt die komplette Produktion. Schon als sie nach etwa 20 Minuten seitwärts im hellen Lichtkegel auf die Bühne rollt, ihr goldenes Kleid funkelt, der ausladende Kragen bis unter die Kinnlade reicht, die roten Haare aufgetürmt zum Himmel ragen und sie eine widerliche Arroganz an den Tag legt, ist klar: Diese Elisabeth ist einfach nur fabelhaft. Karin Hartmann verbindet in dieser Figur zweierlei. Einerseits strahlt sie Pracht, Zickigkeit, Überheblichkeit aus. Andererseits wirkt sie mit ihrem kalkig geschminkten Gesicht, den knallroten Lippen und den zu einem Herz gezwirbelten Haaren wie eine Parodie von Alice im Wunderland (Maske: Ela Bumbul). Elisabeth als zerrissene Persönlichkeit, die nach außen stärker, mächtiger und skrupelloser erscheint als sie es in Wahrheit ist. Deshalb ist es wieder eine dieser bedeutungsschwangeren Kleinigkeiten, als sie ihr erdrückend schweres Kleid nach vorne abstreift, um von nun an im Business-Anzug zu regieren. Doch, etwas Kanzlerhaftes hat das schon. Jetzt wartet man nur noch auf die Raute, die aber nicht zu sehen ist. Ein Lacher stellt die Situation dennoch dar – ohne Frage. Die leibliche Fülle, die Kulleraugen im weißen Gesicht, die zu bösen Schlitzen werden können, die akkuraten Fingerzeige, die vernichtend auf einen Punkt zielen, die Lüsternheit, die in vielen Aussagen spricht – das alles macht Karin Hartmanns Elisabeth zur Schau des Abends.

Maria Stuart
Isolde Wabra hat es nicht leicht, als Maria Stuart gegen die übermächtige Elisabeth anzuspielen. Für sie bleiben nur ein weißes, leichtes Kleidchen, vom Kämpfen ums Überleben ramponierte Haare und die langen Dialoge, um zu glänzen. Und sie schafft es, weil sie in ihre Worte so viel Verzweiflung legen kann – und das nicht herausbrüllen muss. Sie sitzt kauernd in der Ecke ihres Kerkers und schildert wächsern ihre ausweglose Situation. Oh ja, das Publikum spürt richtig, wie die klaustrophobische Enge der grauen Wände Maria Stuart zermalmt. Zitternd, aber immer noch mit Stolz, steht sie wie ein Mädchen an der Bühnenrampe, aufgeladen mit Groll. Zwischen Elisabeth und Maria herrscht Zickenkrieg. Im Zusammenspiel von Hartmann und Wabra ergibt es ein wunderbares, kontrastreiches Spiel, dem man gerne beiwohnt.

Fazit
Das Neustrelitzer Theater besitzt einen neuen Hit, den man sich gut und gerne auch zwei oder drei Mal anschauen kann. Immer wieder entdeckt der Zuschauer neue Dinge und Anspielungen.

Kontakt zum Autor:
m.auermann@nordkurier.de

Regie Marco Bahr (R.) Ausstattung Peter Sommerer Dramaturgie Katrin Kramer mit Michael Goralczyk| Heiko Gülland| Karin Hartmann| Sven Jenkel| Felix Caspar Krause| Thomas Pötzsch| Fabian Quast| Isolde Wabra