REPERTOIRE   Rückschau
Così fan tutte | Stückbeschreibung | Presse
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Nordkurier / Kultur
Mo 23.01.2017
Das Auf und Ab der Liebe von Marcel Auermann

Mozart-Oper feiert in Neustrelitz Premiere

Bei der Neustrelitzer Inszenierung der Mozart-Oper „Così fan tutte“ ist durchhalten angesagt. Wer das schafft, wird hingegen mit einem spielfreudigen Ensemble belohnt, das ordentlich für Lacher sorgt. Marcel Auermann hat sich die Premiere angeschaut und listet das Für und Wider der Produktion auf.
Das größte Problem
Oh, oh, jetzt heißt es Farbe bekennen. Schon im Foyer des Landestheaters Neustrelitz fühlen Schüler des Carolinum den Zuschauern auf den Zahn. Wie halten sie es mit der Treue? Führen sie eine offene Beziehung? Sind sie eifersüchtig? Würde ihnen ein Seitensprung weh tun und wäre die Beziehung danach wieder zu kitten? Was für ein kluger Schachzug von Regisseurin Kornelia Repschläger. Sie holt die Thematik der Oper „Così fan tutte“ ins eigene Leben. Fast beängstigend, diese Fragen ehrlich, sofort, hier, jetzt beantworten zu müssen. Aber, hey, okay, so ein Opernabend soll ja auch das eigene Leben reflektieren.
Die Produktion beginnt also schon, ehe sich der Vorhang hebt. Da sich Wolfgang Amadeus Mozarts heiteres Drama in rasendem Tempo entwickelt - eigentlich alles gut. Als die „Così“ dann aber beginnt, sieht es anders aus. Gut eine Stunde lang sieht der Zuschauer außer vielen, ja zu vielen lasziven Gesten, vielen, ja zu vielen sexuellen Anspielungen der Hauptdarsteller, einem undefinierbarem Bühnenbild zwischen Aussichtsplattform mit Bergpanorama und Wasserbassin wenig. Es kostet doch viel Überwindung, bei der Sache zu bleiben. Repschlägers Inszenierung kommt gefühlsarm, fast schon herzlos daher - und das beim Thema Liebe. Da sprühen irgendwie keine Funken zwischen Fiordiligi (Ruth Fiedler) und Guglielmo (Robert Merwald), Dorabella (Lena Kutzner) und Ferrando (Andrés Felipe Orozco). Die Regisseurin gibt den Figuren zu wenig mit, sie hat sie nicht genug entwickelt, nicht zu etwas Besonderem, zu etwas ganz Eigenem der Neustrelitzer Inszenierung gemacht.
Doch nach etwa 70 Minuten geht’s los auf der Bühne. Endlich! Und das Warten hat sich gelohnt. Die Handlung, die bis eben wie festgefahren schien, gewinnt ordentlich an Fahrt. Don Alfonso (Ryszard Kalus) und Despina (Laura Scherwitzl) helfen dabei, die Intrigen zu spinnen, die Treue der Hauptpersonen bis aufs Äußerste auf die Probe zu stellen. Plötzlich ist da was los, was geboten. Der Zuschauer würde der „Così“ Unrecht tun, wenn er sie als reine Verwechslungskomödie sähe, es geht ja auch ums Psychologische, um die Abgründe des menschlichen Lebens. Nach einer Stunde Stillstand sehnt man sich aber nach dieser Wendung, die den erhofften Schwung bis zum Ende bringt.
Darsteller
Die Schauspieler scheinen sich diesen Wechsel zur Komödie ebenfalls zu wünschen. Sie blühen auf, sie kommen aus sich heraus. Andrés Felipe Orozco zeigt sein unglaublich komisches Talent. Allein der Anblick, wie er da mit Glitzerröckchen, Paillettenhemd, leuchtenden Goldturnschuhen und Billigblondperücke dasteht - köstlich. Selbst die Improvisation gelingt ihm. Als er zu schwungvoll agiert und sein Haarteil verliert, schaut er wie ein bedröppelter Betrogener drein, sucht den Blickkontakt zum Publikum, setzt den Fiffi wieder auf - und weiter geht’s. Diese Spielfreude ist an diesem Abend unschlagbar, ebenso wie seine gesangliche Leistung, die einen in den Gefühlsstrudel mitreißt.
Robert Merwald bleibt in gleicher Klamotte dagegen eher tollpatschig und man merkt ihm an, dass er sich in seiner Verkleidung verkleidet fühlt und ab und an nicht so recht weiß, wie er agieren soll. Ruth Fiedlers Fiordiligi erscheint als große Dame von Welt, die sich zu benehmen weiß, aber fast an den Betrügereien zerbricht, den Glauben an die Liebe verliert. Das alles zeigt Fiedler ganz fein akzentuiert, jede Gefühlslage, jeden Zustand zeichnet sie exakt und transportiert ihn über den Orchestergraben hinweg direkt ins Publikum hinein. Was für eine Wucht!
Lena Kutzners Dorabella zeigt sich in vielen Situationen wenig beeindruckt davon, dass sie mir nichts, dir nichts auf eine Affäre eingeht. Sie gibt eine durchtriebene Dorabella, die erst kurz vor Schluss Gewissensbisse bekommt. Ryszard Kalus stellt einen herzhaften, fast diabolischen Don Alfonso dar, der immer wieder zigarrenqualmdampfend durch die traurige Szenerie geistert.
Der heimliche Star des Abends
Laura Scherwitzl macht aus ihrer Despina eine völlig durchgeknallte Figur mit Struwwelpeterfrisur, die so gehässig lachen kann wie man es sonst nur in düsteren Thrillern erlebt. Diese Despina gibt der Neustrelitzer „Così“ mächtig Zunder, mahnt zum Fortgang, hält das ganze Konstrukt zusammen. Dass sie deshalb oft mannsweibisch die Füße auf dem Tisch platziert und ihre Manieren vergisst, muss wohl so sein. Sie ist ein Luder wie es im Buche steht, selbst wenn sie ein Mal fast wie ein Revuegirl an den LED-Leuchtsreifen entlang tänzelt und als grauer, alter Magnetiseur-Arzt Ferrando und Guglielmo das Fremdgehen-Gen aus dem Leib ziehen möchte.
Bühne
Um die Bühne nicht ganz leer zu lassen, stellt Kornelia Repschläger einen riesigen Kasten auf die Bühne, der teils mit Projektionen Balkon, Meeresgrund, Salon, Spiegel - was auch immer - darstellt. Wirklich benötigt wird dieser schwere Klotz, der nur mit vier Bühnenarbeitern bewegt werden kann, eigentlich nicht. Genau hier liegt die Krux. Die „Così“ ist eine Oper, wie gemacht für ein Kammertheater, um die Figuren mit ihren Gefühlsregungen ganz nah zu erleben. Stattdessen staksen hier nun also regelmäßig vier Bühnenarbeiter durchs Bild, die die Szenerie stören, weil sie überhaupt nicht hineinpassen.
Weitere Aufführungen: 28.1., 17.2., 5.3. im Landestheater Neustrelitz.


Opernwelt
Di 17.01.2017
Hurra, sie leben noch! von Udo Badelt

Das Theater Neustrelitz steht vor schwierigen Umstrukturierungen, spielt aber vor-erst munter weiter

Hier gibt es ein Theater», verkündet ein Plakat am Neustrelitzer Hauptbahnhof. Es richtet sich an Besu-cher, aber auch an die Stadt selbst, mit trotzig-couragierter Botschaft: Es gibt uns noch! Selbstverständlich ist das nicht in Deutschlands Nordosten. Glaubt man dem Schweriner Kultusministerium, dann ist das Geld, um die einmalige Theaterlandschaft zu erhalten, schlichtweg nicht mehr da. Schon 2001 ging Neustrelitz mit dem Orchester im 30 Kilometer entfernten Neubrandenburg zur Theater und Orchester GmbH zusammen. Jetzt steht eine weitere Fusion an, und zwar mit dem Theater Vorpommern, in dem die Bühnen von Stralsund und Greifswald vereint sind. «Staatstheater Nordost» soll das Superkonstrukt heißen, doch ob es wirklich so super wird, ist alles andere als ausgemacht. Avisiert ist eine Aufteilung der Sparten: Oper in Stralsund, Schauspiel in Greifswald, Konzerte in Neubrandenburg. Das führt zwangsläufig zu riesigen Anfahrtswegen für Besucher und Künstler. Neustrelitz hat
zwar ein prachtvolles klassizistisches Haus, ist aber der schwächste Partner im Verbund: Hier soll außer den Werkstätten fast nichts bleiben.
Joachim Kümmritz ist ein alter Hase im Intendantengeschäft. Viele Jahre war er in verschiedenen Funktionen am Schweriner Staatstheater tätig, auch als Chef. 2014 übernahm er zusätzlich die Intendanz von Neubran-denburg/Neustrelitz, seit 2016 spielt er Feuerlöscher in Rostock, der größten Stadt des Landes, die ihre Bühne anscheinend nur noch als Kostenfaktor sieht. Jetzt, es ist der dritte Samstag im Januar, raucht Kümmritz eine Zigarette im Freien unter den Säulen des Neustrelitzer Theaterportals, vor der Premiere von «Così fan
tutte». Grundsätzlich habe er Verständnis für die Pläne des Ministeriums. «Aber die Landesregierung muss die Kommunen viel stärker in die Verhandlungen einbeziehen.» Er streitet für Haustarifverträge und dafür, dass vor Ort ein voll funktionsfähiges Theater erhalten bleibt. 2018 soll das «Staatstheater Nordost» gegründet wer-den. Spricht man mit Kümmritz, gewinnt man den Eindruck: So sicher ist das noch nicht.
Also machen sie in Neustrelitz erst mal weiter. Und greifen zu Mozarts «Così fan tutte». Weißgekleidete Akteu-re machen schon im Foyer eine Umfrage: «Sind Sie leidenschaftlich? Werden Sie schnell eifersüchtig? Leben Sie in einer offenen Beziehung?» So spannt die Produktion auch Schüler des Neustrelitzer Gymnasiums Caro-linum ein, für kleine Städte extrem wichtig. Die Regie hat die Wahl: Betont sie das Grausame und Abgründige dieses Menschenexperiments oder das Komische? Kornelia Repschläger entscheidet sich für Letzteres, inter-pretiert die «Così» konsequent als Buffa. Die richtigen Sängerdarsteller hat sie dafür, vor allem unter den Her-ren. Wie
Robert Merwald als Guglielmo von Alfonso (gepresst, wenig textverständlich: Ryszard Kalus) schon mal Geld fordert, als die Wette zu seinen Gunsten auszugehen scheint, oder wie Andrés Felipe Orozco als Ferrando geistesgegenwärtig seine Perücke wieder arrangiert, als sie ihm versehentlich zu Boden fällt – das besitzt Klasse.
Eine längliche Glaskonstruktion, über die alle Zu- und Abtritte erfolgen, bildet die einzige Kulisse (Bühne: Thomas Keip). Sie ist auch von oben begehbar und erinnert dann an die Wachmauer eines Gefängnisses, was wiederum den Beobachtungs- und Experimentcharakter des Stücks hervorhebt. Repschläger übertreibt es ein bisschen mit dem Schabernack, wenn sie Laura Scherwitzl als Despina blöde kieksen und krächzen lässt, sobald diese sich verkleidet. Während Scherwitzl vokal zu überzeugen weiß und Lena Kutzner als Dorabella wohltuend organisch und ausgeglichen singt, neigt Ruth Fiedler, einziger Gast am ansonsten vom Ensemble gestemmten Premierenabend, bei verhaltener Mittellage zu übermäßig voluminöser Höhe. Das wahre Manko, dass auch die inspiriert auftrumpfende Neubrandenburger Philharmonie mit ihrem ersten Kapellmeister Jörg Pitschmann nicht verhindern kann, aber liegt anderswo. Beinahe vier Stunden lang den Damen aus Ferrara dabei zuzuschauen, wie sie ihre Männer nicht erkennen, das strapaziert die Geduld hier doch sehr.

Musikalische Leitung Jörg Pitschmann  |  Regie Kornelia Repschläger  |  Chorleitung Dr. Gotthard Franke  |  Dramaturgie Lür Jaenike |  |  MIT: Ruth Fiedler | Ryszard Kalus| Lena Kutzner| Robert Merwald| Andrés Felipe Orozco| Laura Scherwitzl | Neubrandenburger Philharmonie | Opernchor | Statisterie | KOSTÜME: Ralf Christmann | BÜHNE: Thomas Keip | Die Ausstattung des Bühnenbildes erfolgte mit freundlicher Unterstützung vom Hotel Schlossgarten Neustrelitz und dem Antikhof Wokuhl - herzlichen Dank!